Anthropologie der Sinne, der Medialität und der ästhetischen Praxis

Der Schwerpunkt vereint Forschungen über Bildlichkeit und Visualität, musikalisch-sinnliche Performativität und klangliche Konstruktionen sowie die damit zusammenhängenden unterschiedlichen Sinnes- und Medienpraktiken. Anthropologie der Sinne, der Medialität und der ästhetischen Praxis konzentriert sich hierbei nicht nur auf die wichtige Rolle, die die Sinne sowohl in der sozialen Interaktion als auch innerhalb der ethnographischen Forschung spielen, sondern auch auf die Analyse der kulturellen Produkte der sinnlichen Praxis wie beispielsweise Film, Fotografie, Hörfeature, Radiosendungen, Video, Web 2.0., Fernsehserie oder Ausstellung. Anthropologie der Sinne umfasst somit: das Forschen „über“ die Sinne und Sinnlichkeit sowie das Forschen „mit“ den Sinnen, mit dem Aufnahmegerät, dem Computer, dem Stift und/oder der Kamera (z.B. ethnographische Samples, Hörfeature, Filme und Texte). Verschiedene Medienpraktiken und -formate werden in ihren Verwendungskontexten als Indikatoren für gesellschaftliche Dynamiken, Struktur- und Machtverhältnisse analysiert. Zugleich werden sie als Elemente einer ästhetischen Praxis begriffen, in denen Akteur_innen produktiv, kreativ und aktiv sind und durch welche die Produktion von Identitäten, Gruppenzugehörigkeiten sowie Bedeutungsgebungsprozessen in Gang gesetzt, aber auch unterlaufen werden kann. Theoretisch und methodisch werden die Fragestellungen und Forschungsfelder mit einem vielfältigen kulturanalytischen Instrumentarium erschlossen werden: von der visuellen Anthropologie bis zur Sensory Ethnography, von der Klangforschung bis zu den Soundscape Studies, von der Historischen Anthropologie bis zur Oral History.

Forschungsprojekte:

  • Broadcasting Swissness – Musikalische Praktiken, institutionelle Kontexte, und Rezeptionen von „Volksmusik“. Zur klingenden Konstruktion von Swissness im Rundfunk.
    Personen: Dr. Karoline Oehme-Jüngling, Fanny Gutsche, MA und Dr. Patricia Jäggi
  • Anthropology of the Senses. Ethnography as an Aesthetic and Aisthetic Practice in the Works of Margaret Mead
    (Subproject of the SNF project „Of Cultural, Poetic, and Medial Alterity: The Scholarship, Poetry, Photographs, and Films of Edward Sapir, Ruth Fulton Benedict, and Margaret Mead“)
    Personen: Dr. Silvy Chakkalakal
  • Intangible Cultural Heritage: The Midas Touch?
    Personen: Dr. Silke Andris, lic. phil. Miriam Cohn
  • Von „Notverfilmungen“ zur filmischen Autorenschaft. Der ethnografische Film in der Schweiz und die Filme der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde (SGV) 1960-1990
    Personen: Dr. des. Thomas Schärer, Dr. des. Pierrine Saini
  • Das Identitätsmanagement Jugendlicher in transnationalen Lebenswelten – Audiovisuelle und narrative Selbstrepräsentationen
    (Subprojekt des SNF Projektes „Audiovisuelle Selbstzeugnisse Jugendlicher als Herausforderung für die schulische Heterogenitätsforschung“)
    Personen: lic. phil. Bernadette Brunner
  • Raumpraxen in der trinationalen Agglomeration Basel
  • Grenzüberschreitender Alltag im Fokus von künstlerischer und wissenschaftlicher Forschung
    Interdisziplinäres Lehrprojekt, gefördert von der Pro Helvetia im Rahmen von TRIPTIC
    Personen: PD Ina Dietzsch, lic. phil. Brigitte Lustenberger und lic. phil. Flavia Caviezel (FHNW, Institut Design- und Kunstforschung)
  • Licht: Material, Medium, Metapher
    Personen: Prof. Dr. Jacques Picard (Universität Basel) und Prof. Dr. Ulrike Gehring (Universität Trier)

 Dissertationen

  • Ayten Mutlu: LES VIES INVISIBLES: Sichtbarmachung des Unsichtbaren
  • Julian Genner: Der durchleuchtete Passagier: Sicherheit, Scanner und Sensoren
  • Fanny Gutsche: Die "Stimme der Schweiz" hören - Zur transnationalen Rezeption akustischer Swissness am Beispiel von Swiss Radio International 1936-2004

 

 

 

Broadcasting Swissness – Musikalische Praktiken, institutionelle Kontexte, und Rezeptionen von „Volksmusik“. Zur klingenden Konstruktion von Swissness im Rundfunk

Dr. des. Karoline Oehme-Jüngling
Fanny Gutsche, MA  
Patricia Jäggi, MA

Das Forschungsprojekt untersucht die Konstruktion und Vermittlung von "Swissness" mittels (Volks-)Musik. Im Zentrum des Forschungsprojekts steht die "Sammlung Dür" – ein zwischen 1957 und 1967 vom Musikwissenschaftler Fritz Dür im Auftrag von Schweizer Radio International (SRI) als musikalische Visitenkarte der Schweiz zusammengestelltes Konvolut von zirka 8.000 Tonbändern mit "Schweizer Volksmusik", das 1987 in die Schweizer Nationalbibliothek überführt wurde. Die Leitfrage des gesamten Projektes ist diejenige, wie und vor welchen gesellschaftlichen wie institutionellen Hintergründen sich volksmusikalisches Schaffen mit der Institution Rundfunk zu einer wirkmächtigen Stimme zur Verbreitung von – klingender – Swissness etablieren konnte. 

Das Projekt ist interdisziplinär angelegt und untersucht die klingende Dimension von populärer Kultur von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart aus musikforschender und aus kulturanthropologischer bzw. ethnomusikologischer Perspektive. Der analytische Zugriff auf das von allen Projekten gemeinsam bearbeitete Material orientiert sich an der Frage nach der akustischen Konstruktion einer "Stimme der Schweiz" – durch die Fixierung auf Tonträgern, was gleichzeitig stilbildend wirkte, durch die Zusammenstellung zu einem nachhaltig und während längerer Zeit genutzten Klang-Korpus, was zugleich kanonisierend wirkte und schliesslich durch die Vermittlung über das Hörmedium Rundfunk, was die Bildung einer eingängigen Vorstellung von akustischer Swissness anregte. Drei eng miteinander verzahnte Teilprojekte an drei Schweizer Hochschulen erforschen diese Verhandlungen um "Volksmusik" im Rundfunk: Teilprojekt A) an der Hochschule Luzern/Departement Musik analysiert die Volksmusikszene der 1950er und -60er Jahre und aus musikforschender Perspektive die klanglich-musikalische Seite des Repertoires. Das kulturanthropologische Projekt B) am Institut für Populäre Kulturen der Universität Zürich untersucht die institutionelle Seite der Entstehung wie der Überlieferung und des „Überlebens“ der Sammlung Dür in ihren sozialen, kulturellen, politischen und ideengeschichtlichen Kontexten sowie die akustische Repräsentation von Swissness. Teilprojekt C) am Seminar für Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie der Universität Basel untersucht aus ethnomusikologischer Perspektive die Nutzungen der Sammlung und ihre Rezeption als "Stimme der Schweiz" im In- und Ausland. 
Die Sammlung Dür wurde unter der Vorgabe von SRI, die "Stimme der Schweiz" zu sein, durch den Leiter der Sonothek Fritz Dür aus den Beständen der einzelnen Radiostudios wie durch "Live-Aufnahmen" in der ganzen Schweiz zusammengetragen. Sie wurde von den 1960er bis in die 1990er Jahre für den inländischen (Telefonrundspruch) und namentlich den ausländischen Sendebetrieb, aber auch für weitere Zwecke, u. a. für die SRI-Musikedition "Musica Helvetica", genutzt. Der Bestand (sowohl was die Musik- als auch was konventionelle Archivalien betrifft) bildet die zentrale Materialbasis des Projekts und ermöglicht die Bearbeitung der drei aufeinander abgestimmten Forschungsfragen und -perspektiven. Der Synergieeffekt von "Broadcasting Swissness" liegt denn auch genau darin, Klänge/Musik nicht entweder um die sinnlich-akustische oder aber um ihre soziokulturelle Kontexteinbettung reduziert zu erforschen, sondern unter musikalisch-performativen, ebenso wie institutionspolitischen und rezeptionsästhetischen Gesichtspunkten zu untersuchen. Damit trägt das Projekt nicht nur zur Analyse eines bisher ungeschriebenen Kapitels der Geschichte der traditionellen populären Musik in ihrem Einlassen auf die „Kulturindustrie“ sowie zur kritischen Auseinandersetzung mit der akustischen, institutionell forcierten Konstruktion von "Swissness" bei, sondern nimmt zugleich auch die Herausforderungen einer modernen, disziplinenübergreifenden Kulturwissenschaft auf. Nicht zuletzt werden die Ergebnisse des Projekts nicht nur in den üblichen wissenschaftlichen Formaten, sondern auch in nicht-diskursiven Formen vermittelt: unter anderem durch eine Hörplattform, eine Notenpublikation, insbesondere aber auch durch die Zugänglichkeit über die Hörstationen der Nationalphonothek und die Aufnahme der digitalisierten Sammlung in der Memoriav-Online-Datenbank "Memobase" wie durch eine Medienpartnerschaft mit der SRG, womit die Forschungsergebnisse in auch unterschiedlich aufbereiteter Form einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. 

Laufzeit: 1.12.2012 - 30.11.2015

Finanzierung: SNF

Lehrveranstaltungen FS 14:

  • Broadcasting Swissness. Einführung in die kulturanthropologische Medientextanalyse am Beispiel schweizerischer Radiogeschichte
    Dozentinnen: Fanny Gutsche und Karoline Oehme

 Tagungen:

  • Die „Schweiz“ im Klang. Repräsentation, Konstruktion und Verhandlung (trans)nationaler Identität über akustische Medien, Arbeitstagung I im Sinergia-Projekt „Broadcasting Swissness“, 11. September 2013, Universität Basel

Workshops:

  • „Theoretische und methodische Zugänge zu Broadcasting Swissness“, Workshop III im Rahmen des SNF-Projekts „Broadcasting Swissness“, 12. Juni 2013, Universität Basel

Aktuelle Publikationen:

  • Gutsche, Fanny, Oehme-Jüngling, Karoline (Hg.): "Die Schweiz" im Klang: Repräsentation, Konstruktion und Verhandlung (trans)nationaler Identität über akustische Medien. Basel: Schweizer Gesellschaft für Volkskunde 2014. (E-Book: http://edoc.unibas.ch/dok/A6289086)

Licht: Material, Medium, Metapher

Prof. Dr. Jacques Picard (Universität Basel) und Prof. Dr. Ulrike Gehring (Universität Trier)

Die Vereinten Nationen haben das Jahr 2015 zum Jahr des Lichtes erklärt, um gleich mehrere Jubiläen zu würdigen, wie den ersten Prototyp einer mit Solarenergie betriebenen Maschine, die Postulierung der Wellentheorie des Lichts, die Maxwellsche Elektrizitätslehre mit der Theorie der klassischen Elektrodynamik und vor allem die von Einstein 1915 veröffentlichte Allgemeine Relativitätstheorie, aber auch die von Penzias und Wilson entdeckte Kosmische Mikrowellenhintergrundstrahlung als Beleg für die vieldiskutierte Urknalltheorie. Angesichts der hohen gesellschaftlichen Relevanz dieser naturwissenschaftlichen Entdeckungen führten die Universitäten Basel (Jacques Picard) und Trier 2015 (Stefan Brakensiek und Ulrike Gehring) gemeinsam eine Ringvorlesung zu Licht: Material, Medium, Metapher durch. Daraus sollen ab 2016/17 im Weiteren Forschungs- und Ausstellungsvorhaben mit internationalen Kooperationspartnern entwickelt werden. Diese Kooperationsgemeinschaft wird durch Prof. Jacques Picard (Basel) und Prof. Ulrike Gehring (Trier) koordiniert.

Raumpraxen in der trinationalen Agglomeration Basel - Grenzüberschreitender Alltag im Fokus von künstlerischer und wissenschaftlicher Forschung

Hacking the boundaries

Interdisziplinäres Lehrprojekt, gefördert von der Pro Helvetia im Rahmen von TRIPTIC

Dr. Ina Dietzsch
lic. phil. Brigitte Lustenberger
Flavia Caviezel (FHNW, Institut Design- und Kunstforschung)

Im Zentrum stehen Fragen nach unterschiedlichen Raumwahrnehmungen und -praxen in der trinationalen Agglomeration Basel. Vor dem Hintergrund ökonomischer Globalisierung, von Migrationsbewegungen aber auch von fortschreitender Urbanisierung sind Raumpraxen deutlich vielschichtiger als unter der Kategorie «Trinationalität» fassbar wird.
Die Untersuchungsgruppe des Projektes sind Grenzgänger_innen in ihren unterschiedlichen Lebensbereichen. In der künstlerisch-wissenschaftlichen Zusammenarbeit werden ihr Alltag, ihre Routinen, Probleme, Wahrnehmungen, Erfahrungen und Erklärungen, das Verbindende und das Trennende erforscht. Mit teilnehmenden Beobachtungen, qualitativen Interviews und Wahrnehmungsspaziergängen werden die Projekteilnehmer_innen sowie beteiligte Kunstschaffende ausgewählten Menschen bei ihren täglichen Grenzüberschreitungen folgen. Die Studierenden erhalten durch die Zusammenarbeit mit lokalen Kunst-/ Kulturschaffenden und Dozierenden die Gelegenheit, sich Kenntnisse in Verfahren und Methoden der Kulturwissenschaften und der Künste anzueignen, wie z.B. verschiedene Gesprächs- und Beobachtungstechniken, Auswertungsmethoden, interventionistische Verfahren. Aus der Zusammenschau der verfolgten Spuren soll eine Kartografie der Grenzüberschreitungen entstehen, welche die Vielfalt der Lebensformen und möglichen Perspektiven aufzeigt. Studierende der HGK und der Universität konzeptionieren gemeinsam mit lokalen Kunst-/Kulturschaffenden verschiedene Projekte im trinationalen Grenzraum. Auch in Zusammenarbeit mit der Haute école des Arts du Rhin Strasbourg sollen Arbeiten realisiert werden, die einer interessierten Öffentlichkeit im Rahmen von Radiosendungen, Ausstellungen in Kunsträumen oder Interventionen im öffentlichen Raum vorgestellt werden.
In der Zusammenarbeit zwischen Kunst und Wissenschaft werden neue Formen des Wissens sowie der Wissensvermittlung erprobt und generiert. Die Studierenden sollen neue Wege gehen und selbst die Grenzen zwischen Kunst und Dokumentation überschreiten. 
Im Mai 2014 wurde in Kollaboration mit Motoco und der Haute école des arts du Rhin Mulhouse - Strasbourg eine Ausstellung realisiert. Weitere Informationen finden Sie hier.
Im Herbstsemester 2014/15 findet ein nachfolgendes Projekt in Kollaboration mit dem Museum der Kulturen statt, um die Themen weiter zu vertiefen mit dem Ziel die entstehenden Projekte in der permanenten Ausstellung StrohGold zu integrieren.

English:

The project Spacial Perception in the Trinational Agglomeration of Basel is a co-operation between the University of Basel and the FHNW and connected to the Pro Helvetia program Triptic – Kulturausstausch am Oberrhein (Cultural exchange in the Upper Rhine area). In two interdisciplinary teaching projects from 2013–14 different kinds of border crossing and spatial practices in the trinational area have been examined. The everyday life, routines, perception, experiences, connecting and separating phenomena were in the focus of the artistic-scientific research. The students of the Academy of Art and Design and of the Department of Cultural Anthropology and European Ethnology have collaboratively conducted research and thereby tested and generated (new) forms of knowledge. Transgressing disciplinary boundaries they took unknown paths of interdisciplinary collaboration using media like video, photography, sound, text, drawing etc.
An exhibition was realized in May 2014 in Mulhouse in collaboration with Motoco and the Haute école des arts du Rhin Mulhouse - Strasbourg. For more information click here.
A follow-up teaching project in winter semester 2014/15 will be conducted in collaboration with the Museum der Kulturen Basel to develop the topics further with the aim to include the arising projects into their permanent exhibition StrohGold. For more information click here

Projektbeispiele des Frühlingssemesters 2013 und des Herbstsemesters 2014:

«Panorama», Entwurf, Fotografie, 2013 / Johanna Leitner und Ingela Eklund

Eine Sendung des freien Radio Wiesental zur Ausstellung können Sie hier hören.

Lehrveranstaltungen:

  • FS 13: Seminar: Raumpraxen in der trinationalen Agglomeration Basel - Grenzüberschreitender Alltag im Fokus von Kunst und Wissenschaft
    Dozentinnen: Ina Dietzsch, Brigitte Lustenberger
  • HS 13: Seminar: Hacking the boundaries: Von Kunst, Wissenschaft, Medien und Wahrnehmungsweisen - und Handeln im öffentlichen Raum mittels künstlerischer und wissenschaftlicher Strategien
    Dozentinnen: Ina Dietzsch, Brigitte Lustenberger
  • HS 14: Seminar: Kunst, Kulturwissenschaft und das Museum
    Dozentinnen: Ina Dietzsch, Brigitte Lustenberger